Die Strassenzeitung aus Freiburg


Guten Morgen! Heute ist Samstag, der 11. September 2010
   

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Auf ewig heimatlos?
(von Micha)
Bevor ich damit anfing diesen Artikel zu schreiben, wusste ich, ehrlich gesagt, kaum etwas über die Geschichte der in Freiburg lebenden Roma-Gemeinde. Und so wie mir vorher, geht’s sehr wahrscheinlich dem Großteil der Freiburger Bevölkerung.  

 

 

Aus Anlass zum 8. April, seit 1971 ein nationaler, weltweiter Feiertag der Roma, an dem sich diese diskriminierte Minderheit zu einer Nation erklärte und aus dem Wunsch heraus, sich selbst etwas bekannt zu machen, veranstalteten am Samstag den 9. April die Roma-Gemeinden aus dem Landkreis Freiburg zusammen mit dem Verein „IBis“ (Interkulturelle Bildung und Soziale Arbeit im Stadtteil) und mit der Unterstützung der Stadt Freiburg in St. Georgen ein „Baro Roma Bali“, ein „Großes Roma-Fest“.

Ein Fest, zu dem auch alle Nicht-Roma herzlichst eingeladen waren, ein Fest, das vielleicht ein wenig dazu beigetragen hat, sich etwas besser kennen zu lernen und gegenseitige Vorurteile abzubauen. Vor allem der Freiburger Sozialbürgermeister, Ulrich v. Kirchbach, hat sich für die Verwirklichung dieser Veranstaltung sehr engagiert eingesetzt und es war auch Herr v. Kirchbach, der bei diesem Fest die Eröffnungsrede hielt. Danach referierte der Kölner Journalist Nedio Osman über die aktuelle Situation der Roma und über die Bedeutung des Feiertags 8. April. Daran anschließend erfolgte ein umfangreiches kulturelles Programm.

Auf diesem Fest wurde auch kurz das Buchprojekt „Vakeres Romanes? – Sprichst du Romanes?“ vorgestellt. „Rom“ bedeutet in der Sprache der Roma u.a. „Mensch“, d.h., wenn wir von den „Roma“ sprechen, sprechen wir von „Menschen“.

In diesem Buch erzählen u.a. 18 Roma-Jugendliche, die mit ihren Familien aus dem Kosovo geflüchtet sind, aus ihrem Leben, wobei nicht der Bürgerkrieg und die Asylsituation im Mittelpunkt steht, sondern der Alltag der 10- bis18-jährigen Roma. Das Buch ist in knapp einjähriger Projektarbeit mit der Lehrerin U. Birgin und der Künstlerin M. Wieczorek von IBis gemeinsam mit den Roma-Jugendlichen geschrieben und layoutet worden, ist sehr bunt mit vielen Bildern und nicht textlastig.

Genau dieses Buch war es, dass mich dazu veranlasste, etwas mehr über diese Menschen erfahren zu wollen.

Die „Zigeuner“ selbst besitzen keinerlei Aufzeichnungen über ihren Ursprung, ihre Traditionen und ihre Mythen. Bisher wurde ihre Geschichte eigentlich nur von Außenstehenden geschrieben und erst seit kurzem setzen sie sich selbst mit der Aufarbeitung ihrer eigenen Geschichte auseinander. Der Allgemeinbegriff „Zigeuner“ ist an sich irreführend, weil er das Bild vermittelt, dass alle von uns so genannten Menschen einem einzigen Volksstamm angehören, obwohl es viele verschiedene Volksgruppen unter ihnen gibt, die sich selbst als Sinti, Roma, Lowara, Kalderasch, Lalleri, Manusch, Jenische u.a. bezeichnen. Die beiden größten in Deutschland lebenden Volksgruppen von ihnen, die Sinti und Roma, lehnen zudem die Bezeichnung „Zigeuner“ für sich als diskriminierend ab, vor allem die Sinti, die sich mit dieser Bezeichnung noch immer an die Leiden des Nationalsozialismus erinnert sehen.

Und der Kölner Journalist Nedio Osman aus dem Volk der Roma schreibt: „Die Welt hat von Anfang an mit uns über Vorurteile kommuniziert. Schon dann, wenn sie uns mit dem Namen, der in unserer Sprache nicht existiert, „Zigeuner“ genannt hat. Dieses Wort kommt aus dem Altgriechischen und bedeutet übersetzt „unberührbar“. Der Name ist Synonym für etwas Negatives, Unreines, Unschönes geworden, ein Volk wird als eine Nation zweiter Klasse betrachtet“ Andererseits jedoch nennen sich andere „Untergruppen“ selbst Zigeuner, da nur diese Bezeichnung in allen Sprachen die Gesamtheit aller Stämme bezeichnet, während der aktuelle „politisch korrekte“ Ersatzbegriff, Sinti und Roma, gleichzeitig andere Zigeunergruppen diskriminiert

Wie also soll man, politisch korrekt, diese ganzen Volksgruppen insgesamt benennen?
Nedio Osman sagt weiter: „Was am meisten weh tut, ist, dass niemand Interesse hat, zu erfahren, wer wir sind und niemand hört zu. Mit dieser Ignoranz ist die Welt ärmer geworden und der Fakt, dass wir eines der ältesten Völker dieser Welt sind und dass auch unsere Sprache eine der ältesten dieser Welt ist, ist kaum bekannt.“

Okay, gehen wir ein Stückweit zurück...
Indien selbst gilt als Ursprungsland der Sinti und Roma und den Nachweis des indischen Ursprungs der Zigeuner hat die Sprachwissenschaft geliefert. Das „Romanes“ ist die Sprache der Roma und Sinti und hat seinen Kern in einem nordwestlichen Dialekt der altindischen Volkssprache und nicht wie allgemein angenommen im Sanskrit, das eine Hochsprache der Brahmanen war - wobei es in Bezug auf Sanskrit konträre Meinungen gibt. Über die soziale Situation der Sinti und Roma im Indien der Frühzeit weiß man fast gar nichts. Man vermutet, dass diese Menschen eher einer niederen Kaste angehörten, bzw. sogar Kastenlose waren.

Zwischen dem 5. und 11. Jahrhundert kam es dann in Indien zu mehreren Auswanderungswellen, ausgelöst durch Not, (Religions-) Kriege und Vertreibungen, die Menschen, wie die Sinti und Roma und andere Volksgruppen dazu zwangen, ihr Heimatland zu verlassen und ein Leben in Wanderschaft aufzunehmen.
In größeren oder kleineren Gruppen wanderten sie zunächst in die an Indien angrenzenden Regionen, wie z. B. Persien, Armenien und später auch in das griechisch besiedelte Kleinasien, andere von ihnen gingen nach Ägypten, bis sie dann im 14./15.Jahrhundert über Nordafrika und den Balkan, das erste Mal nach Europa kamen.
In Griechenland gab man den Roma dann, laut Nedio Osman, das erste Mal den Namen „Athingana“, unberührbar. Dieser Name hat sich verbreitet und mit der Zeit unterschiedliche Formen angenommen: Gipsy, Hitanos, Cingene, Mandjup, Zigeuner.

Zunächst wurden diese Fremden in Europa meist freundlich empfangen oder zumindest akzeptiert und in Deutschland garantierte sogar ein Schutzbrief des Kaisers Sigismund 1423 den „Zigeunern“ Schutz und Sicherheit im Habsburgerreich Allerdings überließ man diesen Fremden in der fest gefügten feudalen Gesellschaft nur wenige Beschäftigungen im Bereich des Kleinhandels, des Wandergewerbes und der Schaustellerei. Bereiche also, die für diese Wandervölker überlebenswichtig waren. Die Fremden blieben Außenseiter, die man neugierig betrachtete.

In den darauf folgenden Jahren schwenkte die zuerst freundliche Stimmung um: Der kaiserliche Geleitbrief wurde von den Reichstagen von Lindau (1496) und Freiburg (1498) für ungültig erklärt und der Reichstag von Augsburg verordnete, dass alle Zigeuner innerhalb von drei Monaten das Land zu verlassen hätten. Zudem wurde es der Bevölkerung erlaubt, einen Zigeuner zu töten, der sich auf ihrem Besitz aufhielt. „Wer Zigeuner schädigt, frevelt nicht“, lautete einer der Verordnungen.

 

 

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